28. April 2026 | AllgemeinRunning-News

Sabastian Sawe: Vom Spätstarter zur Marathon-Legende

Vor einem Jahr noch war Sabastian Sawe Kenias neuester Shooting-Star über die Marathon-Distanz. Er hatte seine ersten beiden Rennen über die 42,195 km eindrucksvoll jeweils mit Jahresweltbestzeiten gewonnen. In Valencia triumphierte er 2024 mit 2:02:05 Stunden beim Debüt und wurde auf Anhieb zum damals fünftschnellsten Läufer aller Zeiten, dann gewann er auch den hochkarätigen London-Marathon mit 2:02:27. Zwölf Monate später – und nach einem Berlin-Marathon-Sieg in 2:02:16 im vergangenen September bei hohen Temperaturen – wurde Sabastian Sawe in London zu einer Marathon-Legende. Mit 1:59:30 Stunden durchbrach er als erster Läufer in einem regulären Rennen eine Zeit-Barriere, die vielleicht die bedeutendste ist, die es im Laufsport gibt.

 

Sabastian Sawe war ein Spätstarter. Dass er den Weg in die Weltspitze finden konnte, hing auch mit einer Portion Glück zusammen. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in dem Dorf Cheukta, das nicht weit weg von der Stadt Eldoret im kenianischen Hochland liegt, gelang es Sabastian Sawe lange Zeit nicht, sich eine Karriere als Läufer aufzubauen. In Iten, der Hochburg des kenianischen Laufsports, schloss er sich Trainingsgruppen an. Doch niemand entdeckte sein großes Talent.

 

Sein Onkel Abraham Chepkirwok – einst ein 800-m-Läufer der noch heute den Landesrekord von Uganda hält -, vermittelte ihn über einen Dritt-Kontakt zum italienischen Coach Claudio Berardelli, der in Kapsabet das Trainingslager der Athleten-Management-Gruppe von Gianni Demadonna leitet. Nachdem Versuche über die Bahn-Langstrecken scheiterten, versuchte es Berardelli mit Sawe in der Gruppe der Straßenläufer.

 

Beim Sevilla-Halbmarathon 2020 begann die internationale Karriere von Sabastian Sawe mit einer Sensation. „Gianni brauchte für das Rennen noch einen Tempomacher und ich habe gesagt, ich glaube, ich habe einen, der das kann – wir sollten das probieren“, erinnert sich Claudio Berardelli. Sabastian Sawe flog nach Sevilla und gewann das Rennen mit einer Jahresweltbestzeit von 59:02 Minuten. Weitere starke Leistungen folgten über die Halbmarathon-Distanz. 2023 gewann Sabastian Sawe auch den WM-Titel über diese Strecke. Verteidigen will er den Titel im September aber nicht, da er sich jetzt vollkommen auf den Marathon konzentriert.

 

„Ich hatte schon in der Grundschule angefangen zu laufen und lief später auch in der Oberschule, aber ich war zunächst nicht sehr erfolgreich. Ich brauchte viel Geduld und Ausdauer“, sagte Sabastian Sawe in einem Interview gegenüber dem internationalen Leichtathletik-Verband World Athletics. „Für mich als Trainer ist Sabastian Sawe wie ein Geschenk“, sagte Claudio Berardelli. „Sabastian bringt alle Voraussetzungen mit – er hat ein unglaubliches Trainings-Vermögen, ist mental stark und zugleich sehr bescheiden.“

 

Sabastian Sawe wurde in London nach seinem Triumph angesprochen auf seinen vor gut zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Landsmann Kelvin Kiptum, dessen Weltrekord von 2:00:35 Stunden er in London gebrochen hat. Kiptum schien 2024 auf dem Weg zu sein, als erster Läufer regulär unter zwei Stunden zu rennen. „Es tut mir sehr leid für seine Familie und ich möchte ihnen sagen: Sabastian ist heute im Sinne von Kelvin gelaufen. Ich habe das gemacht und weitergeführt, was er angefangen hatte. Jetzt sind wir bei einer Zeit von unter zwei Stunden“, sagte Sabastian Sawe.

 

Nach dem Berlin-Marathon im vergangenen September erklärte Claudio Berardelli: „Ich kann nicht vorhersehen, was für Sabastian möglich sein wird – aber ich freue mich darauf, es herauszufinden.“ Ungewöhnlich warmes Wetter hatte in Berlin die Jagd auf die Zwei-Stunden-Barriere unmöglich gemacht.

 

Der Weltrekord in London dürfte aber noch nicht das Limit gewesen sein für Sabastian Sawe. Denn die Strecke an der Themse ist sicherlich nicht so schnell wie zum Beispiel die 42,195 km durch Berlin, Chicago oder Valencia. Eines dieser drei Herbstrennen könnte eine Option sein für Sabastian Sawe, wenn er versuchen möchte, noch schneller zu laufen als in London.

 

Text: Jörg Wenig

Sabastian Sawe durchbrach in London die Zwei-Stunden-Barriere.