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24. Januar 2020 | Marathon-News

Lauf-Leidenschaft im Lichtermeer

Man würde gerne wissen, was jetzt in Valary Aiyabei vor sich geht. Ganz allein sitzt die Kenianerin auf einem Stuhl auf der verwaisten VIP-Tribüne hinter dem Ziel. Ihre Mimik lässt nicht erkennen, was sie über die Läuferinnen und Läufer denkt, die mehr als sechs Stunden nach dem Start in die Festhalle einlaufen, viele schweren Schrittes, manche mit letzter Kraft.

 

Valary Aiyabei wackelt leicht mit dem Kopf zum Takt der Musik. Und dann klatscht sie mit den Händen im Takt, es läuft ein Lied von Bryan Adams. Vor mehr als drei Stunden ist sie in diese mit begeisterten Zuschauern prall gefüllte Halle als Siegerin des Mainova Frankfurt Marathon 2019 eingelaufen, begleitet von Feuerwerk, Konfettiregen und einer tobenden Menge. Neuer Streckenrekord in der Weltklasse-Zeit von 2:19:10 Stunden!

 

Nun sitzt sie wie ein Schulmädchen auf ihrem Stuhl und wartet auf ihren letzten Auftritt des Tages, die Closing Party, bei der sie mit dem äthiopischen Männersieger Fikre Tefera noch einmal einen großen Auftritt hat. Naja, was um diese Zeit noch groß bedeutet. Nach 16 Uhr ist die große Show in der Festhalle längst vorbei, es ist die Zeit der Spätheimkehrer, derjenigen, die weit weg sind von schnellen Zeiten und Konfettiregen. Aber es wird immer noch Musik gespielt, auch die Lichter flackern bunt für jeden, der es geschafft hat. So auch für Bodo Heil aus Butzbach, der nach 6:10:06 Stunden als Dritter seiner Altersklasse ins Ziel kommt – und das ist die AK 80. In Valarys Aiybaei kenianischer Heimat dürfte kein achtzig Jahre alter Mann noch Lust auf Marathonlaufen haben.

 

Das Sehnsuchtsziel Festhalle hat das Zeug dazu, die Teilnehmer im Rennen Tiefen und Schwächen überwinden zu lassen. Die Wucht dieses besonderen Empfangs schüttelt viele Athleten emotional durch. Erwachsene Menschen brechen vor Freude weinend zusammen. Der Kontrast ist ja auch krass: Stundenlang laufen sie über das Frankfurt Pflaster, irgendwann setzt Regen ein, und je länger das Rennen dauert, desto weniger klatschende Zuschauer stehen an den Straßenrändern. Es wird draußen immer stiller.

 

Aber dann macht es: Crash, Boom, Bang. Sobald sie die das Hallentor passiert haben, fühlt sich alles leicht an, es ist wie ein freier Fall in ein Lichtermeer. In dem spektakulären Gemisch aus Musik, Emotion, Beifall, Geschrei und Lautsprecherdurchsagen lässt sich für herrliche Momente die Orientierung verlieren. Es sind nicht einmal 100 Meter auf dem roten Teppich, und doch dürfte jeder dabei in einen Sekundenrauschzustand versetzt werden.

 

Immer am letzten Oktoberwochenende ist die Festhalle eine Mischung aus Wallfahrtsort und Laufsteg, großes Finale und wär­mendes Obdach. Oft wechselt die Halle am Marathon-Wochenende ihr Antlitz. Am Samstag, wenn die Kleinsten beim Struwwelpeter-Lauf powered by Schneider Electric hereinstürmen, manchmal noch ungelenk, meist aber furchtbar aufgeregt, da loten vor allem viele Eltern ihre emotionalen Grenzzustände aus.

 

Ein paar Stunden später zieht der Duft der Nudelsauce durch die Halle, Murmeln, Schmatzen, Einstimmung auf den großen Tag – es ist die Zeit der Fattoria La Vialla Nudelparty. Gäbe es nicht das Bühnenprogramm, es würde eine fast kontemplative Stille herrschen. Schließlich ist alles in ein feierliches Halbdunkel getaucht.

 

Wer wirkliche Ruhe genießen will in Frankfurts im Jahr 1909 erbauter „Gudd Stubb“, der schmuggelt sich zu späten Samstag­abendstunde in die Halle. Am besten nach 21 Uhr. Dann herrscht eine eigentümliche Stimmung in der Festhalle, die fast menschenleer ist. Nur ein paar Techniker laufen umher und bauen alles auf, was für den Sonntag gebraucht wird. Hier ein Klimpern, dort ein Hammerschlag, ansonsten: Verblüffend, wie still so ein Gebäude sein kann, in dem bis zu 14.000 Zuschauer Platz finden können. Der rote Teppich wird erst tief in der Nacht auf Sonntag verlegt.

 

Zu einer Zeit also, in der sogar Kai Völker am Marathonwochenende ruht. Er ist zwei Tage lang so etwas wie die Stimme der Festhalle. Der Radiomoderator beim Hessischen Rundfunk stellt die Belastbarkeit seines eigenen Systems sowie der Lautsprecheranlage auf eine harte Probe.

 

Es gibt aber auch stille Momente an diesem lauten Sonntag, Momente, die weder Konfetti noch Feuerwerk benötigen. Genau 15:55 Uhr ist es, als ein junges Paar auf die Tribüne hinter dem Ziel klettert. Karsten Latz und Christine Scheungrab aus Berchtes­gaden sind beide zuvor Marathon gelaufen, aber jetzt gibt es etwas Wichtigeres.

 

Was, weiß erstmal nur einer: Karsten. Denn er nimmt Kai Völker das Mikrofon aus der Hand – und macht seiner Christine einen Heiratsantrag. Ein spontaner Entschluss sei das gewesen, sagt er, und er wird dafür belohnt. Denn sie sagt: „Ja.“ Dann fließen Tränen, die Menschen in der Halle klatschen – und Valary Aiybaei klatscht mit.

Wallfahrtsort, Laufsteg, Sehnsuchtsziel: Eine Reportage aus der Festhalle, dem wohl stimmungsvollsten Marathon-Finish der Welt.